Wie findet das zusammen: Drogenpolitik und Wissenschaft?

FINDER prevention and drug science startet im Januar 2017 eine Initiative zur „Evidenzbasierung von Drogenpolitik“:

  • Warum tut sich die Drogenpolitik schwer damit, wissenschaftliche Ergebnisse wahrzunehmen und wie kann das verändert werden?
  • Was für Ergebnisse sind das überhaupt?
  • Welche Rolle spielen politische Meinung und journalistische Darstellung bei der Rezeption solcher Ergebnisse?
  • Wie verändert sich die Drogenpolitik, wenn wir nicht nur persönlicher Erfahrung, politischer Meinung und Gefühl folgen, sondern auch Forschung und Expertise einbeziehen?

Dazu stellen wir auf der Website des FINDER Instituts für Präventionsforschung sukzessive Ressourcen und Platz für Debatten zu Berichten und einzelnen Studien bereit. Die Initiative beginnt mit sieben Videokommentare zu einer Cannabis-Kampagne des Landes Berlin. Wir haben Experten befragt, was öffentliche Kampagnen eigentlich können, was nicht und worauf man bei deren Erstellung achten sollte.

Die Berliner Cannabis-Kampagne „Zu breit“: Problem oder Schritt in die richtige Richtung?

Wir warnen gerne vor den Gefahren des Alkohol- und Drogengebrauchs. Das ist gut gemeint und selten effektiv. Jedenfalls nur dann, wenn ein glaubwürdiger Rahmen hergestellt und die Zielgruppe ernst genommen und eingebunden wird. Oftmals funktionieren öffentliche Drogenkampagnen ebenso wie Gespräche in Familien oder dem Freundeskreis aber auf sehr simpler Basis:

Drogen sind gefährlich. Einige Leute scheinen das nicht zu wissen. Dann machen wir mal eine öffentliche Kampagne, um es ihnen zu sagen.
Drogen sind interessant. Einige Leute sagen uns, sie sind gefährlich, andere sagen, „probiert sie mal, es gibt da noch mehr als Gefahren“. Wem glauben wir?

War die Konzeption der Berliner Cannabis-Kampagne also „zu simpel“ und deren wissenschaftliche Basis „zu schmal“? Hier eine Einführung in diese FINDER Initiative von Dr. Henrik Jungaberle und Maximilian von Heyden.

Am 29. September 2016 hat die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales eine Präventions- und Aufklärungskampagne zu Cannabis gestartet. Diese wurde bereits im Dezember 2016 beendet. Dafür wurden 500.000 Euro im Berliner Haushalt bereitgestellt.
Unter dem Titel „Zu breit?“ sollte die Kampagne Jugendliche und Erwachsene mit der Kampagne aufrütteln, über die gesundheitlichen und sozialen Risiken des Cannabiskonsums informieren und zum Jugendschutz beitragen: „Zu oft wird der Cannabis-Konsum nicht mehr als illegal und gesundheitsgefährdend wahrgenommen“. Die im Herbst 2016 noch von dem CDU-Senator Mario Czaja geführte Behörde beschreibt die Ziele so: „Bei der Aufklärung über die Risiken von Cannabis sprechen wir ganz bewusst nicht nur die Jugendlichen an, sondern auch deren Eltern, Lehrer, Erzieher und Trainer. Durch Information soll eine kritische Haltung gegenüber dem Konsum von Cannabis gefördert werden. Die Kampagne soll Mut machen, auch Nein zu sagen – oder Maß zu halten. Eine repräsentative Umfrage, die im Rahmen der Kampagne durchgeführt worden ist, belegt wie notwendig es ist, alle anzusprechen und auch präventiv zu wirken. Eltern oder Lehrer, die auf das Problem aufmerksam werden, müssen hinschauen und mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen. Ihre eigene Haltung zum Cannabiskonsum und das Wissen um die Risiken hat erheblichen Einfluss auf Jugendliche und junge Erwachsene“.

Wir haben im November und Dezember 2016 lokale und internationale Präventionsexperten zu den Merkmalen erfolgreicher öffentlicher Präventionskampagne befragt. Sehen sie deren Statements im FINDER drug science-YouTube-Kanal.

Dipl.-Psych. Andreas Gantner, Leiter des Berliner Therapieladens, Experte für Cannabis-Therapie und -Beratung
Angelina Brotherhood, M.A., John-Moores-University Liverpool, European Drug Prevention Quality Standards, European Society for Prevention Research
Dr. Peter Tossmann, Delphi-Gesellschaft für Forschung, Beratung und Projektentwicklung, Berlin
Prof. Dr. Harry Sumnall, John-Moores-University Liverpool, European Society for Prevention Research
Gregor Burkhart, Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Lissabon

Unsere Initiative zu Berliner Cannabis-Kampagne endet mit einer Diskussion zwischen Dr. Henrik Jungaberle von FINDER prevention and drug science, der Berliner Landesdrogenbeauftragten Christine Köhler-Azara und Drob Dynamik, dem Rapper, der das Flagschiffvideo „Zu breit“ zur Kampagne beigetragen hat.

Die Kritik in Stichworten: Ziele, Sprache, Bilder, Dauer, Subtext, Glaubwürdigkeit und Kosteneffektivität

Wir fassen hier einige Aussagen von Experten und jungen Leuten zusammen, die auf die Kampagne reagieren.

Ziele und Zielgruppen

Die „Zu breit“-Kampagne versuche, alle möglichen Zielgruppen auf einmal zu erreichen. Dadurch sei es nicht gelungen, die Botschaften der Kampagne an deren sehr verschiedene Bedürfnisse anzupassen. Das manchmal geäußerte Ziel einer Reduktion des Konsums passe nicht zur allgemeinen Ablehnung des Konsums.

Sprache

Die Sprache der Kampagne wechsele zwischen Jugendjargon und wissenschaftlichem Fremdwortgestöber (beispielsweise im Selbsttest der Kampagnenwebsite). Beides behindere die gezielte Zielgruppenansprache und Glaubwürdigkeit.

Bilder

Die humorig gemeinte Bildsprache des „Zu breit“-Kampagnenvideos wurde von vielen als Beleidigung von Cannabis-Konsumenten interpretiert: dadurch würden Konsumenten „verscheißert“ (im Kampagnen-Video wird mit dem Thema „shit/Scheiße“ gespielt).

Dauer

Wirksame Kampagnen sollten über Jahre laufen, um überhaupt wahrnehmbar und erinnerbar zu sein. Die nur dreimonatige Dauer der Kampagne mache Wirksamkeit unwahrscheinlich.

Subtext

Als Subtext der Kampagne scheint aus Sicht einiger Gesprächspartner eine vor allem für junge Leute sehr voraussagbare Ablehnung von Cannabis als Ganzes mitzulaufen. Andere erwähnen den „Suchtspeak“, eine mangelnde Relativierung von Risiken durch Zahlen sowie fehlende Quellenangaben für Behauptungen auf der „Zu breit“-Website.

Glaubwürdigkeit

Eine einzelne Person, den Rapper Drob Dynamic, als Kampagnenflagschiff zu präsentieren, verhindere eine breite Akzeptanz der Kampagne. Die Glaubwürdigkeit von „Zu breit“ sei durch mangelnde Einbeziehung der Zielgruppe von vorne herein fragwürdig gewesen. Einige Gesprächspartner hielten die dreimonatige Kampagnendauer während des Berliner Wahlkampfs für ein durchsichtiges politisches Schauspiel.

Ein journalistischer Kommentar aus der Jugendredaktion der Berliner Zeitung, Spreewild, schien diesen Eindruck zu bestätigen:

Kosteneffektivität

Einige unserer Interviewpartner bezweifelten, dass die Kosteneffektivität für die Kampagne bedacht wurde. Angesichts zweifelhafter Ergebnisse öffentlicher Kampagnen und das Fehlen einer wissenschaftlichen Begleitung haben wir selbst einmal überschlagen:

  • Für Euro 500.000 könnte man 2.325 Pädagogen in dem Life Skills Programm Lions Quest weiterbilden. Vermittelten diese das Programm nur einmal an 30 Schüler, so hätte man 72.075 SchülerInnen erreicht.
  • Für Euro 500.000 könnte man 6.880 Pädagogen in dem vielleicht kosteneffektivsten Präventionsprogramm ausbilden, das je entwickelt wurde: dem Good Behavior Game. Lesen Sie hier über dessen erstaunliche Ergebnisse.
  • Wer Euro 100.000 von den Kampagnenkosten abzweigte, könnte eine zweijährige wissenschaftliche Begleitforschung zur Kampagne locker finanzieren, also eine Vorstudie und Wirksamkeitsforschung durchführen.

Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) hat den Stand der Wissenschaft zu öffentlichen Kampagnen zusammengefasst

Ist es nun schwer, sich wissenschaftliche Ergebnisse vor Konzeption und Beginn einer öffentlichen Kampagne zugänglich zu machen? Die EMCDDA ist Europas Drogenagentur. Sie hat das Wissen über öffentliche Kampagnen übersichtlich zusammengetragen. Damit es beim nächsten Mal nicht „zu simpel“ wird.

Apropos: wir von FINDER prevention and drug science denken übrigens, dass Deutschland durchaus eine Cannabis-Kampagne braucht. Wir sind gespannt, was sich entwickelt.